ProMosaik e.V. interviewt Herrn Kruwinnus zum Thema des Dialogs zwischen Islam und Atheismus

Liebe Leserinnen und Leser,
 
wir freuen uns sehr, Ihnen das Interview der Redaktion von ProMosaik e.V. mit Herrn Thorsten Kruwinnus vorzustellen, der uns ein sehr wichtiges Thema des interreligiösen Dialogs, und zwar den Dialog zwischen dem Islam und dem Atheismus, präsentiert und beschreibt.
 
Herr Kruwinnus leitet auf Facebook eine Diskussionsseite zu diesem Thema. 
 
ProMosaik e.V. ist der Überzeugung, dass der Dialog zwischen dem Islam und dem Atheismus immer mehr an Bedeutung gewinnt, weil in Europa sehr viele Menschen den Glauben an die traditionellen christlichen Kirchen verloren haben. Viele von ihnen sind Agnostiker oder Atheisten.
 
 
 
 
Wir freuen uns sehr auf die Kommentare unserer Leserinnen und Leser zum Thema an info@promosaik.com
 
Dankend
 
Dr. phil. Milena Rampoldi
Redaktion von ProMosaik e.V.  
 
Nun möchte ich gerne Herrn Kruwinnus das Wort übergeben. Wir danken ihm nochmal herzlichst für seinen wertvollen Beitrag.
 
 
 
 
 
1.- Welche Zielsetzungen verfolgen Sie mit Ihrer Gruppe?
 
In unserer Gruppe “Muslime und Atheisten – sachliches Diskussionsforum” soll vor allem, wie der Name bereits sagt, eine sachliche, auf Dialog basierende Diskussion stattfinden. Nun scheinen Atheisten und Muslime, vor allem oberflächlich betrachtet, natürlich sehr weit voneinander entfernten Weltanschauungen anzuhängen. Hierunter leidet des Öfteren die Sachlichkeit. Wir Administratoren bemühen uns jedoch so gut es geht darum, die Diskussion von persönlichen Angriffen aller Art freizuhalten. Deshalb arbeiten wir mit einem Team von vier Administratoren. Bei einer Mitgliederzahl von ca. 1000 geht das gerade noch ;-)-
 
2.- Welche Grundregeln finden Sie im interreligiösen Dialog wichtig?
 
Mir persönlich liegt besonders das Grundprinzip des gegenseitigen Respekts am Herzen. Respekt ist mehr als Toleranz, indem die Meinung des Gegenüber nicht nur toleriert, sondern auch ernst genommen wird, und zwar als Ausdruck seiner inneren Überzeugung. Die innere Überzeugung eines Menschen gehört zum Kern seiner Persönlichkeit und ist somit ein wichtiger Teil seiner Menschenwürde. Deshalb betrachte ich alle Versuche, zwischen der Persönlichkeit eines Menschen, die als Kern seiner Menschenwürde Respekt verdiene und seinen Überzeugungen, denen “lediglich Toleranz” zukomme, zu unterscheiden, für unhaltbar. Die Weltanschauung eines Menschen verdient somit Respekt, weshalb Respekt auch ein Grundpfeiler des interreligiösen Dialogs sein sollte.
 
3.- Warum gehört der Islam zu Deutschland?
 
Oft wird behauptet, nicht der Islam, sondern lediglich “die Muslime” gehörten zu Deutschland. Diese Behauptung halte ich schon deshalb für zu kurz gegriffen, weil Menschen sich, wie ich oben bereits dargelegt habe, ganz wesentlich auch über ihre Weltanschauungen definieren. Man könnte so weit gehen und sagen, der Mensch ist diejenige Spezies, die sich als vor allem durch ihr geistiges Leben definiert. Deshalb gehören die Grundanschauungen eines Menschen ebenso zu ihm, wie beispielsweise das Fell eines Tigers zum Tiger selbst gehört und nicht von diesem getrennt betrachtet werden kann.
 
Insofern ist dann auch klar, dass der Islam ebenso zu Deutschland gehören kann, wie dies beim Christentum, der Sozialdemokratie, dem Naturalismus und anderen Religionen bzw. Weltanschauungen der Fall sein kann. Die Einschränkung “kann” rührt daher, dass unter Deutschland die heutige Bundesrepublik mit ihren Grundgesetz zu verstehen ist, zu deren Prinzipien Rechtsstaatlichkeit, Demokratie sowie die Bindung an Grund- und Menschenrechte gehören. Wie jede Religion, setzt sich auch der Islam aus den unterschiedlichsten Strömungen zusammen. Einige dieser Strömungen, wie beispielsweise der in Saudi-Arabien vorherrschende Wahabbismus oder auch der sogenannte Salafismus, stehen mit den Werten des Grundgesetzes in einem unauflöslichen Konflikt und gehören nicht zu Deutschland. Maßstab dafür, ob der Islam zu Deutschland gehört, ist also seine Vereinbarkeit mit den im Grundgesetz niedergelegten Prinzipien. Und ich bin der festen Überzeugung, dass dies, abgesehen von einigen radikalen “Sekten” – die es natürlich ebenso im Christentum gibt – der Fall ist. Mehr noch, der Islam, wie ich ihn verstehe, basiert geradezu auf der Würde des Menschen und auf der Gleichheit von Mann und Frau, um zwei wichtige Grundsätze anzuführen. Er ist also nicht nur mit dem Grundgesetz vereinbar, vielmehr harmoniert er geradezu mit ihm. Also gehören nicht nur die Muslime sondern auch ihre Religion, der Islam, zu Deutschland.
 
4.- Welche Strategien kann man in den sozialen Medien einsetzen, um den interreligiösen Dialog zu fördern?
 
Die sozialen Medien müssen vor allen ein Gegengewicht zu den immer einspuriger und populistischer werdenden Veröffentlichungen der Mainstreammedien werden. Seit Jahren beobachte ich einen immer weiter gehenden Niveauverfall, der keineswegs mehr auf Boulevardzeitungen und Privatsender beschränkt ist. Wahre Diskussionen finden schon längst fast nur noch im Internet statt, sei es in Diskussionsforen, entsprechenden Blogs, aber auch auf Youtube oder bei Facebook. Die Strategie muss also lauten: schaffen wir wieder eine echte Diskussionsatmosphäre, tauschen wir Argumente aus und nicht lediglich Platitüden.
 
5.- Finden Sie wie ProMosaik e.V. auch richtig, dass Pseudotoleranz nicht ausreicht? Wenn ja, warum?
 
Pseudotoleranz genügt nicht, da wahrer Dialog nur auf Augenhöhe möglich ist. Hierfür ist “Respekt” vor der Weltanschauung meines Gegenübers erforderlich, wie ich dies bereits weiter oben (Frage 2) dargelegt habe.
 
6.- Warum soll der Atheismus in den interreligiösen Dialog einbezogen werden und wie?
 
Der Anteil der Konfessionslosen ist in der Bundesrepublik Deutschland seit Jahrzehnten im Steigen begriffen, und nicht wenige Konfessionslose betrachten sich selbst als Agnostiker bzw. als Atheisten. Schon deshalb wäre es fadenscheinig, sich lediglich auf den christlich-muslimischen bzw. christlich-buddhistischen usw. Dialog zu stützen.
 
Aus muslimischer Sicht geht es mir vor allem darum, Missverständnisse in Bezug auf den Islam auszuräumen, die bei vielen Atheisten vorhanden zu sein scheinen. Dies betrifft insbesondere Vorurteile wie “wer den Koran hat, braucht nicht mehr selbst zu denken”, “es gibt “den wahren Islam” und den finden wir in Saudi-Arabien” oder “Muhammad hat niemals existiert”.
 
 
Doch umgekehrt vermag der Dialog mit Atheisten auch auf muslimischer Seite mit vermeintlichen Evidenzen aufzuräumen. So werden Muslime feststellen, dass es im Atheismus ebenso viele Strömungen wie im Islam gibt und dass keineswegs alle Atheisten “ alles für erlaubt halten”. Wichtige Grundsätze des atheistischen Humanismus werden ebenso von aufgeklärten Muslimen vertreten und umgekehrt. Die Differenzen sind also oft geringer, als dies auf den ersten Blick der Fall sein mag. Man muss die Gemeinsamkeiten nur sehen wollen und dazu bereit sein, über den eigenen Schatten zu springen.
 
Über mich:
 
Thorsten Kruwinnus, geb. am 06.10.1976 in Rendsburg. Studium der Rechtswissenschaften in Kiel (1. Staatsexamen) mit den Schwerpunkten Rechtsphilosophie und Methodenlehre, Referendariat und 2. Staatsexamen in Niedersachsen. Aufbaustudium Kriminologie an der Universität Hamburg (Abschluss: Diplom-Kriminologe) mit dem Schwerpunkt Kriminalsoziologie, Weiterbeschäftigung mit Methodenfragen. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg (Fakultät für Rechtswissenschaften) am dortigen Seminar für Rechtsphilosophie. Nebenher Beschäftigung mit der indonesischen Sprache und Kultur, seit mehreren Jahren beruflich im Bereich des deutsch-indonesischen Austauschs tätig. 2007 Konversion zum Islam.

 

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